Über glaziale Erosion und Übertiefung

Kategorien: Glazialgeologie

Zusammenfassung

Glaziale Erosion und Übertiefung ist - wie die Längsprofile aller glazial geformten Täler zeigen - kein über die gesamte Längserstreckung des Gletschers gleichmäßig wirksamer Vorgang, sondern durch ausgeprägte Diskontinuitäten gekennzeichnet. Die Gründe dafür sind früh diskutiert, das Problem ist jedoch nie gelöst worden. Der Erklärungsansatz von H. Louis (1952) hatte aber bereits deutlich gemacht, daß es nur geklärt werden kann, wenn man den zugrunde liegenden Bewegungsmechanismus der Gletscher kennt. Es wird anhand von Beobachtungen aus dem Gebiet des letztkaltzeitlichen Illergletschers gezeigt, daß kaltzeitliche Gletscher mit positivem Massenhaushalt (vorstoßende Gletscher) sich anders bewegt haben müssen als heutige Gletscher, die zumeist einen negativen Massenhaushalt haben (d. h. zurückschmelzen). Es wird ferner gezeigt, daß dieser Bewegungsvorgang an vorstoßenden Fußgletschern des Vatnajökull in Island auch heute noch beobachtet werden kann. Er ist gekennzeichnet durch eine Summation zahlreicher, relativ kurzdauernder und nur relativ kleine Distanzen überbrückender Vorschübe flacher Eisschilde auf Scherflächen über stagnierendem Eis vorhergehender Vorstöße, die ausgelöst wurden durch niederschlagsbedingte Massenüberschüsse im Nährgebiet. Ein solcher Bewegungsvorgang impliziert, daß eine Einwirkung des Gletschers auf den Untergrund nur dort (und dann) möglich ist, wo (und wenn) der Gletscher über seine stagnant-ice-Unterlage vorstößt, d. h. nur im Bereich unmittelbar hinter der Gletscherstirn. Größere Erosionsbeträge sind nur dann zu erwarten, wenn der Gletscher nach dem Vorstoß längere Zeit in der erreichten Maximalposition verharrt und zusätzlich unter hydrostatischem Druck stehendes (Schnee-Schmelzwasser auf den Untergrund einwirkt. Zur Schmelzwasserbewegung im Gletscher werden weitere Beobachtungen aus Island beigebracht, zur Schmelzwasserwirkung auf den Untergrund Beobachtungen (vorwiegend) aus dem deutschen Alpenvorland. Insgesamt ergibt sich, daß die Diskontinuitäten glazialer Erosion und Übertiefung sich erklären lassen durch den beschriebenen Bewegungsmechanismus vorstoßender Gletscher, die Schutzwirkung überfahrenen stagnierenden Eises vorhergehender Vorstöße und die Eigenart der (Schnee-) Schmelzwasserbewegung in, unter und am Rande des Gletschers. Weil die beschriebenen Prozesse in erster Linie unmittelbar hinter der Stirn des vorstoßenden Gletschers ablaufen, sind sie ein räumlich und zeitlich beschränktes Phänomen, müssen gerade deswegen aber von außerordentlicher Intensität sein.
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