Das "Prignitz"-Erdbeben von 1409
Meier, Rudolf
LBGR Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg
DOI: https://doi.org/10.23689/fidgeo-10542
Abstract
[…] In den modernen deutschen Erdbebenkatalogen (Leydecker 1986, Grünthal 1988) sind für das Norddeutsche Tiefland drei stärkere seismische Ereignisse aufgeführt, für die ursprünglich eine makroseismische Intensität von I = VII (MSK) angenommen wurde. Sie werden mit Lüneburg 1323 (Niedersachsen), Prignitz oder Wittstock 1410 (nordwestliches Land Brandenburg), Alfhausen 1770 (westliches Niedersachsen) örtlich und zeitlich beschrieben Das Ereignis von Lüneburg wurde von Steinwachs (1983), das Erdbeben von Alfhausen von Meier & Grünthal (1992) anhand historischer Aufzeichnungen genauer untersucht, jeweils mit dem Ergebnis einer geringeren Intensität und einer nicht auszuschließenden nichttektonischen Ursache. Im vorliegenden Beitrag wird das Prignitz-Ereignis unter Verwendung bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts zurückreichender historischer Literatur und Quellen analysiert. Zu unterscheiden sind Quellen aus Brandenburg, aus dem Magdeburger Raum bzw. dem Anhaltinischen, aus Norddeutschland und aus Dänemark. In Brandenburg wird das Prignitz-Erdbeben zuerst in einem lateinisch verfaßten Gedicht des Wittstocker Bürgers Sarnovius behandelt. Sarnovius spricht darin von einem Ereignis im Jahre 1410 und betont, daß er eine frühere Zeitangabe in seinen Quellen nicht gelesen habe. In einem zweiten Gedicht schildert er ein Sturmereignis im Jahr 1412. Die Verse von Sarnovius finden sich in der Bischofschronik des Bistums Havelberg des Wittstocker Bürgers Stein (1697). Stein verknüpft darin in vorsichtiger und zugleich mißverständlicher Ausdrucksweise die sehr allgemeinen Informationen von Sarnovius über ein Erdbeben mit größeren Rissen im Mauerwerk des Turms der Wittstocker Kirche. Aufbauend auf Stein (und damit auf Gedichten von Sarnovius fußend) nehmen alle jüngeren Brandenburger Quellen für die Prignitz-Region Erdbeben in den Jahren 1410 und 1412 an. Diese Annahme setzt sich bis in die modernen Erdbebenkataloge fort. Eine sehr glaubwürdige Quelle sind die zeitgenössischen Aufzeichnungen der Magdeburger Schöppenchronik. Ein im offiziellen Auftrag des Magdeburger Rates schreibender Chronist berichtet darin von einem Erdbeben in der Bartholomäusnacht des Jahres 1409 (24. August 1409). Er informiert über makroseismische Erscheinungen in Magdeburg und der Magdeburger Börde und vermerkt, daß Schäden nicht angerichtet wurden. Chroniken aus Norddeutschland berichten direkt vergleichbar über die Zeit des Ereignisses, sagen aber nicht, daß es gefühlt wurde und meinen, es sei von Preußen ausgegangen und entlang den Seestädten bemerkt worden. Die erfaßten Pommerschen Chroniken enthalten jedoch keine bestätigende Nachricht. Dänische Chroniken wiederholen die Zeitangabe, lassen aber nicht erkennen, ob ein seismisches Ereignis in Dänemark tatsächlich beobachtet wurde. Nach der vorliegenden Quellenanalyse ist es höchst wahrscheinlich, daß sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts kein starkes Beben in Norddeutschland ereignete. Definitiv wurde ein (schadloses) Erdbeben am 24. August 1409 im Gebiet von Magdeburg und in der Magdeburger Börde beobachtet. Ebenso sicher kann aus den Quellen, insbesondere den norddeutschen Berichten, abgeleitet werden, daß das als Erdbeben gedeutete Ereignis von 1412 (22. November 1412) ein Sturmereignis war.
Subjects
ErdbebenPrignitz
Wittstock
Magdeburg
Norddeutsches-Tiefland
Historische-Quellen
Makroseismik
Seismologie
Mittelalter
1410
1412
Sturmereignis

