Brandenburgische Geowissenschaftliche Beiträge
DOI: https://doi.org/10.23689/fidgeo-10429
Abstract
[...] Vom 3. bis 10. August 1995 findet in Berlin an der Freien Universität der XIV. Kongreß der Internationalen Quartärvereinigung (INQUA) statt. In der Quartärforschung sind Fachvertreter von Geologie, Angewandter Geologie, Physischer Geographie, Glaziologie, Klimaforschung, Ur- und Frühgeschichte, Paläontologie, Paläobiologie, Ökologie, Bodenkunde, Meeresforschung, Meteorologie und verwandter Fachgebiete in einer interdisziplinären Organisation vereint, die durch den gemeinsamen Forschungszeitraum und die inhaltlichen Wechselbeziehungen ihrer jeweiligen Forschungsgegenstände getragen wird. Das Quartär, das Eiszeitalter, ist der Zeitraum, der für die Fragen der Klima- und Menschheitsentwicklung entscheidend ist. Die Klimaentwicklung des Eiszeitalters mit ihren raschen Veränderungen bietet ferner die Grundlagen für die Klimaforschung der Zukunft, die nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für politische Entscheidungen von zunehmender Bedeutung ist; folglich lautet das Motto der Tagung: Past > Present > Future. Als 1987 in Ottawa (Kanada) der XII. INQUA-Congress stattfand, wurde Berlin als Tagungsort für den übernächsten Kongreß ins Gespräch gebracht. Das war rund zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, den damals noch niemand für 1989 voraussehen konnte. Berlin wurde als möglicher Tagungsort symbolhaft an der Nahtstelle zwischen Ost und West ausgesucht; es sollte damit auch gezeigt werden, daß Wissenschaftler an raumübergreifenden Themen gemeinsam arbeiten sollen und müssen, ohne durch politische Grenzen beeinträchtigt zu werden. Beim INQUA-Kongreß in Peking im Jahre 1991 erhielt Deutschland – und damit Berlin – den endgültigen Zuschlag für die Ausrichtung des XIV. INQUA Kongresses. Die politische Situation hatte sich inzwischen grundlegend verändert: die Mauer war gefallen, Deutschland wiedervereinigt, in Mittel- und Osteuropa hatten gewaltige politische Veränderungen eingesetzt; die geopolitische Lage der Stadt hat eine neue Dimension im Mittelpunkt Europas erhalten. Aber die Wahl Berlins als Tagungsort hatte neben den politischen Implikationen einen ebenso gewichtigen Grund in der Wissenschaftsgeschichte. Bedeutende Wegbereiter unserer Wissenschaftsdisziplinen wie Alexander von Humboldt, Leopold von Buch und Heinrich W. Dove haben hier gewirkt. 1875 kam hier die Eiszeittheorie für den Mittel- und Nordeuropäischen Raum nach dem Besuch von Otto Torell in den Kalksteinbrüchen von Rüdersdorf, wo dieser die Gletscherschrammen als solche eindeutig identifizierte, zum Durchbruch. Daraus ergab sich das heute weltweit anerkannte Bild von der zeitweiligen Vereisung großer Teile unseres Planeten, das in der aktuellen Klimaforschung als allgemeine Grundlage gilt. Berühmte Forscher wie Carl Ritter, Ferdinand von Richthofen, Georg Schweinfurth, Albrecht Penck, Konrad Keilhack, Paul Woldstedt und Alfred Wegener wirkten in der Folgezeit in Berlin. Der Wissenschaftsstandort Berlin stellt sich inzwischen auch neu dar. Mit seinen drei Universitäten und diversen Forschungseinrichtungen, geologischen Dienststellen, wissenschaftlichen Museen und Sammlungen bietet Berlin ein erhebliches wissenschaftliches Potential, erweitert und ergänzt durch das benachbarte Brandenburg mit seinen geologischen Dienststellen, dem Landesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Kleinmachnow, der Potsdamer Universität und dem Geoforschungszentrum in Potsdam. Diese Einrichtungen können sich mit vielen Fachrichtungen in den Kongreß einbringen und die Bedeutung des Berlin-Brandenburger Raumes im Herzen Europas unterstreichen. Der INQUA-Kongreß soll der Begegnung und dem inhaltlichen Austausch zwischen Wissenschaftlern aus dem ehemaligen Ostblock und denen aus westlichen Ländern, aber auch denen aus Entwicklungsländern dienen, ein Ziel, das trotz wirtschaftlicher Rezession und geschmälerter staatlicher Zuschüsse angestrebt wird. Zu behandelnde aktuelle Probleme betreffen unter anderem das Grundwasser bei steigendem Wasserverbrauch und zunehmender Wasserverschmutzung, geotechnische Fragestellungen, Küstenveränderungen und Änderungen in der marinen Zirkulation, und vor allem sowohl natürliche als auch durch den Menschen induzierte Klimaveränderungen mit Auswirkungen auf Pflanzen, Tiere und Menschen weltweit. Hier besteht dringender wissenschaftlicher Erklärungs- und politischer Handlungsbedarf, für den im Rahmen des Kongresses Ergebnisse aus der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Der XIV. INQUA Kongreß ist jedoch nicht nur als eine Veranstaltung konzipiert, auf der Teilnehmer aus aller Welt ihre Untersuchungsergebnisse und Theorien vortragen und diskutieren können. Die eingangs genannten Wissenschaftsdisziplinen leben auch durch die Anschauung und Diskussion im Gelände. Neben den zahlreichen Eintages-Exkursionen in die nähere und weitere Umgebung des Tagungsortes gibt es rund 20 mehrtägige Fachexkursionen, die Mitteleuropa und Nordeuropa im Raum zwischen Amsterdam, Marseille, Mailand, Wien, Budapest, Warschau, Tallinn und Ålesund einschließen. Die Exkursionen, die vor der Tagung sternförmig auf Berlin zu und danach von Berlin weg führen, dokumentieren die Einbindung der deutschen Quartärwissenschaften in den europäischen Rahmen und die Zusammenarbeit mit den Kollegen der Nachbarländer. Zum Schluß eine ganz persönliche Anmerkung: Noch vor wenigen Jahren, als der Kongreß geplant wurde, kannte ich die Quartärforscher aus dem damaligen Ostteil Berlins und der Umgebung nur dem Namen nach, es gab noch kein Bundesland Brandenburg und folglich noch kein entsprechendes Landesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe von Brandenburg; es wäre auch unvorstellbar gewesen, daß eine Wissenschaftlerin aus dem damaligen West-Berlin ein Vorwort zu einer in Kleinmachnow erscheinenden Fachzeitschrift geschrieben hätte. In diesem der INQUA gewidmeten Band publizieren Berliner und Brandenburger Fachkollegen verschiedener Institutionen gemeinsam. Ich bin froh, daß dieser INQUA-Kongreß nunmehr mit dem Fachwissen und der Unterstützung der Kollegen aus ganz Berlin und Brandenburg gestaltet werden kann und damit exemplarisch die wiedergefundene Einheit unserer Disziplinen und deren Einbindung in den internationalen Rahmen demonstriert wird.

